Dieser
Bereich enthält eine unsystematische Sammlung
höchst
subjektiver, merkwürdiger und / oder bemerkenswerter Beobachtungen,
Notizen und Meinungen. Manche sind
vielleicht geeignet, zum Nachdenken
anzuregen - einen Wahrheitsanspruch erheben sie ausdrücklich
nicht.
Übersicht
Über „reife Menschen“
Lingua franca
„Jetzt habe ich die Fettpresse vergessen“
Morgan: „First and Last of the Real Sports Cars”
Über „reife Menschen“ (von Albert
Schweitzer)1:
„Die Ideen, die das Wesen und das Leben eines
Menschen bestimmen, sind ihm auf geheimnisvolle Weise gegeben. Wenn
er aus der Kindheit heraustritt, fangen sie an, in ihm zu knospen.
Wenn er von der Jugendbegeisterung für das Wahre und Gute ergriffen
wird, blühen sie und setzen Frucht an. In der Ent-wicklung,
die wir nachher durchmachen, handelt es sich eigentlich nur darum,
wieviel von dem, was unser Lebensbaum in seinem Frühling
an Frucht ansetzte, an ihm bleibt.
Die Überzeugung, daß wir im Leben darum
zu ringen haben, so denkend und so empfindend zu bleiben, wie wir
es in der Jugend waren, hat mich wie ein treuer Berater auf meinem
Wege begleitet. Instinktiv habe ich mich dagegen gewehrt, das zu
werden, was man gewöhnlich unter einem ‚reifen Menschen’ versteht.
Der Ausdruck ‚reif’, auf einen Menschen angewandt, war
mir und ist mir noch immer etwas Unheimliches. Ich höre dabei
die Worte Verarmung, Verkümmerung, Abstumpfung als Dissonanzen
miterklingen. Was wir gewöhnlich als Reife an einem Menschen
zu sehen bekommen, ist eine resignierte Vernünftigkeit. Einer
erwirbt sie sich nach dem Vorbilde anderer, indem er Stück um
Stück die Gedanken und Überzeugungen preisgibt, die ihm
in seiner Jugend teuer waren. Er glaubte an den Sieg der Wahrheit;
jetzt nicht mehr. Er glaubte an die Menschen; jetzt nicht mehr. Er
glaubte an das Gute; jetzt nicht mehr. Er eiferte für Gerechtigkeit;
jetzt nicht mehr. Er vertraute in die Macht der Gütigkeit und
der Friedfertigkeit; jetzt nicht mehr. Er konnte sich begeistern;
jetzt nicht mehr. Um besser durch die Fährnisse und Stürme
des Lebens zu schiffen, hat er sein Boot erleichtert. Er warf Güter
hinaus, die er für entbehrlich hielt. Aber es war der Mundvorrat
und der Wasservorrat, dessen er sich entledigte. Nun schifft er leichter
dahin, aber als verschmachtender Mensch.
In meiner Jugend habe ich Unterhaltungen von Erwachsenen mitangehört,
bei denen mir eine das Herz beklemmende Wehmut entgegenwehte. Sie
schauten auf den Idealismus und die Begeisterungsfähigkeit ihrer
Jugend als auf etwas Kostbares zurück, das man sich hätte
festhalten sollen. Zugleich aber betrachten sie es als eine Art Naturgesetz,
daß man das nicht könne.
Da bekam ich Angst, auch einmal so wehmütig auf mich selber
zurückschauen zu müssen. Ich beschloß, mich diesem
tragischen Vernünftigwerden nicht zu unterwerfen. Was ich mir
in fast knabenhaftem Trotze gelobte, habe ich durchzuführen
versucht.
Zu gern gefallen sich die Erwachsenen in dem traurigen Amt, die
Jugend darauf vorzubereiten, daß sie einmal das meiste von
dem, was ihr jetzt das Herz und den Sinn erhebt, als Illusion ansehen
wird. Die tiefere Lebenserfahrung aber redet anders zu der Unerfahrenheit.
Sie beschwört die Jugend, die Gedanken, die sie begeistern,
durch das ganze Leben hindurch fest-zuhalten. Im Jugendidealismus
erschaut der Mensch die Wahrheit. In ihm besitzt er einen Reichtum,
den er gegen
nichts eintauschen soll.
Wir alle müssen darauf vorbereitet sein, daß das Leben
uns den Glauben an das Gute und Wahre und die Begeisterung dafür
nehmen will. Aber wir brauchen sie ihm nicht preis-zugeben. Daß die
Ideale, wenn sie sich mit der Wirklichkeit auseinandersetzen, gewöhnlich
von den Tatsachen erdrückt werden, bedeutet nicht, daß sie
von vornherein vor den Tat-sachen zu kapitulieren haben, sondern
nur, daß unsere Ideale nicht stark genug sind. Nicht stark
genug sind sie, weil sie nicht rein und stark und stetig genug in
uns sind.
Die Macht des Ideals ist unberechenbar. Einem Wassertropfen sieht
man keine Macht an. Wenn er aber in den Felsspalt gelangt und dort
Eis wird, sprengt er den Fels; als Dampf treibt er den Kolben der
mächtigen Maschine. Es ist dann etwas mit ihm vorgegangen, das
die Macht, die in ihm ist, wirksam werden ließ.
So auch mit dem Ideal. ... Das Wissen, das wir Erwachsene den Jugendlichen
mitzuteilen haben, lautet also nicht: ‚Die Wirklichkeit wird
schon unter euren Idealen aufräumen’, sondern: ‚Wachset
in eure Ideale hinein, daß das Leben sie euch nicht nehmen
kann.’“
1Quelle: A. Schweitzer (1959): Selbstzeugnisse.
Aus meiner Kindheit und Jugendzeit - Zwischen Wasser und Urwald - Briefe
aus Lambarene. München: Verlag C.H. Beck, S. 61-64.
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Englisch – Lingua franca
Immer wieder begegnet man in Deutschland Menschen, die sich irritiert
zeigen ob der zunehmenden Verwendung der englischen Sprache. Unbestritten:
unreflektierter Gebrauch von Anglizismen (der " Consultant " geht
ins " Office "), Nachplappern nicht wirklich verstandener
Modeworte, anbiedernd wirkende Firmennamen (" Group " statt "Gruppe" usw.)
deutscher Unternehmen und an hiesige Verbraucher gerichtete Werbeslogans
(" Live every day - as if it's your last! ") - all das gibt
es, und es fällt nur allzu oft schwer, darin etwas Erstrebenswertes
zu erkennen. Andererseits aber: können deutschsprachige Werbe-sprüche
wie "Geiz ist geil" für sich wirklich ein höheres Niveau
beanspruchen?
Fakt ist: So wie im Mittelalter dem Lateinischen der Rang einer Lingua
franca zukam, so dominiert derzeit das Englische alle anderen
Sprachen. Es wurde gleichsam zu einer globalen Universalsprache
in so unterschiedlichen Bereichen wie Wissenschaft und Technik,
Medizin, Informationstechnologie und Internet, internationaler
Politik und Handel, Werbung, Film- und Unterhaltungsindustrie,
Medien usw. - und mit großer Selbstverständlichkeit
in technischen Bereichen wie bei der Lenkung des Flugverkehrs oder
als Programmiersprache. Längst wurde im Management zahlreicher
international tätiger Unternehmen mit Hauptsitz in nicht-englischsprachigen
Ländern das Englische zur offiziellen Sprache.
Schätzungen zufolge werden 75 Prozent aller Briefe in englischer
Sprache verfaßt. Noch größer ist der Anteil der
auf Computern in englischer Sprache gespeicherten Informationen.
Nicht nur akademische Konferenzen finden überwiegend in englischer
Sprache statt; wissenschaftliche Veröffentlichungen in anderen
Sprachen als englisch unterliegen einem hohen Risiko, im Ergebnis
der Nichtbeachtung anheimzufallen.
Nicht nur, gewiß aber in besonderer Weise für Studierende
kann die Konsequenz daraus nur lauten, sich frühzeitig auf die
englische Sprache einzulassen. Für Universitäten und Fach-hochschulen
bedeutet es die Notwendigkeit, noch viel mehr als bisher englischsprachige
Studiengänge zu entwickeln und anzubieten. In der Mehrzahl der
Fälle wird für hiesige Hoch-schulen überhaupt erst
mit dieser Voraussetzung der inter-nationale Bildungsmarkt zugänglich - für
eine hochgradig vom Export abhängige Volkswirtschaft, die im
Dienstleistungs-sektor unbestreitbar Nachholbedarf aufweist, ein
nicht zu vernach-lässigender Umstand.
Dennoch provoziert der Siegeszug des Englischen Mißtrauen,
Ressentiments, zum Teil sogar offene Gegnerschaft. Eine verbreitete
Sorge besteht darin, daß sie der Kultur, der sie ihre Durchsetzung
verdankt - vorrangig der US-amerikanischen - einen ungerechtfertigten,
unfairen Vorteil verschaffe. Diese Schwierigkeit freilich ist keineswegs
neu - so beklagte schon im 15. Jahrhundert der aus einem Moseldorf
stammende damalige Bischof von Brixen, Nikolaus Cusanus, daß ein
Deutscher nur mit allergrößter Anstrengung, "gerade so,
als ob er seiner Natur Gewalt antun müsse", in der Lage sei,
korrekt Latein zu sprechen. Er bewunderte demgegenüber die Leichtigkeit
und die Eleganz, mit der gebildete Italiener mit der lateinischen
Sprache umzugehen verstanden.
Man mag diese Entwicklung und den Bedeutungsschwund der deutschen
Sprache bedauern; sich den Tatsachen zu ver-weigern, dürfte
kaum als erfolgversprechende strategische Antwort taugen: aus einer ökonomischen
Sicht kann man die Rolle der englischen Sprache als wichtigstes internationales
Kommunikationsmittel als ein geradezu klassisches Beispiel für
Netzwerkeffekte interpretieren.
Dabei sind auch die Rückwirkungen auf die englische Sprache
selbst alles andere als unproblematisch. Nicht nur kommt es zu Einflüssen
auf das Englische aufgrund unterschiedlichen Sprachverständnisses
und -gebrauchs; es tritt dazu ein para-doxes Phänomen auf: das
Englisch vieler, die es als Mutter-sprache sprechen, ist durchaus
so miserabel, daß es zu zunächst unerwarteten Kommunikationshindernissen
kommen kann. Wenn ein Sprecher, dessen Muttersprache nicht Englisch
ist, ein besseres Englisch als viele native speakers spricht,
dann kann das von letzteren als nachgerade verletzend empfunden werden.
Von George Bernard Shaw2 ist nicht nur
die Anmerkung bekannt, daß in
London "999 von 1000 Menschen besonders schlechtes Englisch" sprächen;
Shaw hat den angesprochenen Sachverhalt sehr deutlich bemerkt: "Selbst
unter englischen Menschen ist es eine pedantische Haltung, wenn man
[es] zu gut spricht. Bei einem Fremden ist es schlimmer als eine
pedantische Haltung: es ist eine Be-leidigung des Einheimischen,
der seine eigene Sprache nicht verstehen kann, wenn sie zu gut gesprochen
wird." Man kann das (auch) als eine Ermutigung auffassen, die Sprachbarriere
nicht überzubewerten, und der Empfehlung von Shaw folgen, mit
der englischen Sprache in manchen Situationen unge-zwungener umzugehen.
2Quelle: G.B.
Shaw (1928): Spoken English and Broken English.
London: Linguaphone Institute. Nachdruck in Tauber, A., und Pitman,
Sir J. (Hrsg.) George Bernard Shaw on Language. London:
Peter Owen, S. 54-64.
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„Jetzt
habe ich die Fettpresse vergessen“
Im Jahr 1936 fand im englischen Malvern Link eine kleine Revoluation
statt: H.F.S. Morgan,
der legendäre Gründer der Morgan Motor Company, führte
ein Automobil mit Vier-zylindermotor und vier Rädern ein und
taufte das Modell folgerichtig auf den Namen 4/4. Ein halbes
Jahrhundert später erinnerte sich Fritz B. Busch in ams3 nicht
frei von Nostalgie an die Anfänge der Motorisierung und schrieb über "Reise-vorbereitungen
damals und heute":
"An einem Sommertag ganz früh am Morgen, wenn der Tau die
Wiesen netzt, wenn erste Vogelstimmen den Sonnenaufgang herbeisehnen,
wenn die Luft so schmeckt, als wäre sie frisch gewaschen - an
einem solchen Morgen in der Urlaub zu starten, das war und ist
eine der schönsten Freuden.
Geriet sie in Vergessenheit?
Viele starten noch am Freitag nach getaner Arbeit und stürzen
sich in die Hektik der Rush-hour und der Autobahnstaus. Früher
ließ man jeden Reisekilometer auf der Zunge ergehen, heute
schlingt man ihn hinunter.
Was mich betrifft, so bin ich über all die Jahre ein Kilometer-feinschmecker
geblieben. Welcher Leckerbissen erwartet mich wohl hinter der nächsten
Kurve? Ein Blick ins Tal, ein romantischer Gasthof?
Auch damals lockte die Ferne, aber sie lag wesentlich näher
als heute. Eine Fahrt von Thüringen an den Rhein wurde gründ-licher
vorbereitet, auch seelisch, als heute ein Trip vom Harz nach Sizilien.
Dazu muß ich gar nicht meine Erinnerung bemühen, ich
brauche nur in einigen ,Motor und Sport'-Heften von damals zu blättern.
In den dreißiger Jahren hielt sich ein solches Blatt noch
einen ,Reise-Onkel'. Den fragte man: ,Wie fahre ich in zwei Tagen
von Dortmund an die Ostsee, und auf welchem anderen Weg wieder
zurück?'
Oder auch: ,Demnächst möchte ich mit meinem Wagen nach
Ostpreußen fahren, während mein Begleiter mit meinem
Gepäck, Feldstecher und Fotoapparat die Eisenbahn benutzt.
Deshalb möchte ich mit meinen Weg entlang der Bahnlinie nehmen.
Wie soll ich fahren?' ...
... Und so mancher mißtraute dem Reise-Onkel gar: ,In Heft
Nr. 3 schildern Sie den Reiseweg von Eisenach zur Ostsee. Ich werde
im Sommer den gleichen Weg benutzen. Nun hätte ich aber gern
von Ihnen gewußt, wie die empfohlene Straße durch die
Lüneburger Heide ist. Vor zehn Jahren waren die Straßen
ohne Teerdecke, ist das besser geworden?'
Aus der Antwort des Reise-Onkels: ,... sie hat den einzigen Nachteil,
daß sie keine Teerdecke hat, das ist aber wiederum ein Vorteil,
weil dadurch der Verkehr auf ihr gering ist.'
Das war 1938, als man noch Staub schluckte und die Reifen-panne
an der Tagesordnung war. Auch die Beschilderung war auf allen Straßen
noch überaus dürftig. Aber, wie war das denn erst in
den zwanziger Jahren?
Fragte man da den braven Mann am Wegesrand, so wußte er
oft nur zu sagen, wie das nächste Dorf hieß und wie
man es erreichen konnte. Was dahinter lag, das entzog sich seinem
Wissen. Er selber besaß ja gar kein Auto, und wenn er sagte,
daß es bis dorthin eine gute Stunde sei, dann sprach er von
der Zeit für einen Fußmarsch.
Damals fragte man auch noch: ,Ist die Straße gut?' Dabei
ging es einem gar nicht um die Teerdecke, sondern man wollte wissen,
ob sie halbwegs fest sei und ohne allzu viele und zu tiefe Schlaglöcher.
Man geriet leicht auf Wege, die von den Fuhrwerken so tief ausgefahren
waren, daß der Wagen in der Mitte aufsaß. Wenn Autofahrer
damals die Batterie vom Wagenboden (da hing sie unter den herausnehmbaren
Bodenbrettern) auf das Trittbrett verlegten, dann nicht nur aus
Gründen der besseren Zu-gänglichkeit, sondern auch deshalb,
weil ihnen der tiefer gelegene Batteriekasten schon abgerissen
worden war.
In jenen Jahren war also der Tiefbettrahmen, war die tiefe Schwerpunktlage
nicht unbedingt der Weisheit letzter Schluß. Es kam ja weniger
auf Kurvengrenzgeschwindigkeiten an als aufs Watvermögen.
Wer da heute zurückblickt, ohne damals gelebt zu haben, der
sieht eben vieles falsch. ...
... Nach 100 und 200 Kilometern war man schon in der Fremde - und
ein Fremder. ... Der Wind pfiff einem um die Ohren, der Regen peitschte
einem ins Gesicht, und die blattgefederten Starrachsen rüttelten
einen wach. Auch die feinen Herrschaften in ihren großen
NAG-, Horch- und Mercedes-Wagen saßen frei im Wind mit Leder-
oder Leinenhaube und Fahrerbrille, schluckten Staub und ließen
sich das Gesicht verbrennen, da, wo es freilag.
So reiste man nach Monte Carlo, nach Venedig, nach Locarno, nach
Rapallo. Die Koffer aber schickte man mit der Eisenbahn voraus.
Da sind wir bei den Reisevorbereitungen. Für Gepäck war
in den damaligen Autos nur wenig Raum vorhanden, das galt auch
für Luxuswagen bis hin zum Maybach.
Nun darf man das aber wiederum nicht zu eng sehen. Wir Heutigen
legen da falsche Maßstäbe an. Der Mann, der einen Dixi,
DKW oder 4/20er Opel fuhr, besaß oft nur zwei Anzüge,
einen für die Woche und einen guten. Und der Herr, der im
Horch 8 nach Locarno fuhr, besaß als Reisegepäck noch
den oder die Schrankkoffer aus der Zeit des Orient-Expreß und
der Titanic.
Diese Behältnisse waren noch immer in, und zu ihrer Mitnahme
in die Ferien hätte es eines Lieferwagens bedurft. Der Bahn-transport
war eine ebensolche Selbstverständlichkeit wie das geflügelte
Wort bei der Ankunft im Palace oder im Ritz: ,Ist mein Gepäck
schon eingetroffen?'
Die Konstrukteure oder Karosseriezeichner der Nobelmarken waren
also keine Schwachköpfe. Der Kofferraum, den wir rückblickend
vermissen, war damals gar nicht gefragt. In jedem Behältnis
aber, das irgendwie hintendran oder -drauf saß, und das wir
heute für den Kofferraum halten, wurden viel wichtigere Dinge
untergebracht: Reserveschläuche, Werkzeug vom Wagenheber mit
Holzklotz bis zum kompletten Schraubenschlüsselsatz, Öldosen,
Arbeitskittel und -handschuhe für die Reifenpanne, Flickzeug,
Draht, Schrauben und Muttern, Zündkerzen, Trichter - aber
auch die seitlichen Aufsteck-scheiben, die zum Segeltuchverdeck
des offenen Wagens gehörten.
Diesen Ingredienzen des Kofferraums galt die Aufmerksamkeit dessen,
der die Reise vorbereitete. Gefürchtet und unbedingt zu vermeiden
war der Ausruf: ,Mein Gott, jetzt habe ich die Fettpresse vergessen!'
... Man schmierte seine 23 Nippel unterwegs nämlich selber
ab, zumal einen so manche Be-dienungsanleitung dazu alle 500 Kilometer
verpflichtete. Der Ölwechsel vor Antritt der reise war dagegen
gewöhnlich kein Thema, weil sich das Motoröl im Kreislauf
des ständigen Nachfüllens erneuerte: Auf 100 Kilometer
war nicht selten ein halber Liter fällig.
Gewiß, man hatte auch die Karte studiert, die in der Türtasche
steckte. Nur nützte sie einem nichts, wenn an der Wege-gabelung
oder an der Kreuzung kein Schild darauf hinwies, wo dieses Kleinmäusedorf
lag, über das man nach Knallheim gelangte, von wo aus man
sich Richtung Ochsenstedt halten mußte.
Wer einen offenen Wagen benutzte, zu dessen Reisevor-bereitungen
gehörte die Mitnahme zweckmäßiger Kleidung vom
Kleppermantel über die Lederjacke bis hin zum Fahrpelz. Es
schockte niemanden, wenn die Reisenden unterwegs in zerknitterter
Kleidung, auch staubbedeckt, in einen Gasthof einkehrten. Anstelle
der Bügelfalte trug man die Korken-zieherhose oder gleich
Knickerbocker, die auf keine Bügelfalte angewiesen waren.
..."
- Man darf annehmen, daß Fritz B. Busch beim Verfassen der
zitierten Zeilen im Jahr 1985 nicht voraussah, daß das 1936
neu eingeführte
Modell 4/4 - wenn auch mit gewissen, dem Zeitgeist zugestandenen
Modifikationen, wie einer tiefgreifenden Modernisierung der Frontpartie
(mit Integration der Fahrscheinwerfer in die Kotflügel) ab
Dezember 1953, der Einführung stärkerer Motoren (in den
Modellvarianten Plus 4 ab 1950, Plus 8 ab 1968 und V6 im neuen
Modell "Roadster" seit 2004) oder neuerdings dem optionalen Einbau
von bis zu zwei Airbags - mehr als zwei Jahrzehnte später
noch immer die Fabrikhallen in Malvern Link als handgefertigtes
Neufahrzeug verlassen würde. Der Wagen beweist, daß (womöglich
elektrisch betriebene) Kurbelfenster, Servolenkung, Anti-blockiersystem, äußere
Türgriffe oder gar ein Fahrwerk, das außer Bodenhaftung
auch noch Federungskomfort bietet, zu den überaus entbehrlichen
Zutaten des zeitgenössischen Autofahrens zählen - anders
als die zum Abschmieren auf größeren Ausfahrten mit
einem Morgan stets mitzuführende Fettpresse.
3Quelle: F.B.
Busch (1985): Jetzt habe ich die Fettpresse
vergessen. Auto, Motor und Sport (ams), Heft 13 (26. Juni
1985), S. 188-193 (Auszug: S. 188-189).
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Morgan: „First
and Last of the Real Sports Cars”
Die in der Pickersleigh Road in Malvern Link beheimatete Morgan
Motor Company (MMC) zählt zu den ganz
wenigen Automobilherstellern in England, die bis heute ihre Unabhängigkeit
bewahren konnten4. Unverändert
befindet sie sich im Besitz ihrer Gründerfamilie, und noch
immer werden Automobile gebaut, die in Stil und Bauweise auf
die 1930er Jahre zurückgehen.
Bis 1936 allerdings rollten die Produkte der 1910 gegründeten
Morgan Motor Company ausschließlich auf drei Rädern.
Henry Frederick Stanley ("HFS") Morgan, Ingenieur und Sohn eines
automobilbegeisterten Pfarrers, testete schon das erste Fahrzeug,
den "Runabout", vor seiner Produktionsaufnahme im sportlichen
Wettbewerb und begründete damit die Morgan-Tradition im
Rennsport. Die 1909 konstruierte Vorderachse der Threewheeler-Modelle
mit der seinerzeit in England hoch innovativen Einzelradaufhängung
hat sich solchermaßen bewährt, daß sie bis heute
in den 1936 erstmals eingeführten vierrädrigen Morgans
verwendet wird. Die Produktion der Dreiräder wurde übrigens
erst 1952 eingestellt - mit dem
wahrscheinlich unvermeidbaren
Ergebnis, daß ein englischer
Enthusiast 1979 mit dem Bau einer vorbildgetreuen Replika begann,
die mit einem Moto-Guzzi-Motor eine
halsbrecherische
Höchstgeschwindigkeit
von 200 km/h zu erreichen vermag.
Abgesehen von dem polarisierenden und hinter den kommerziellen
Erwartungen zurückgebliebenen Modell Aero 8 geht die aktuelle
Morgan-Modellpalette auf den 1936 vorgestellten Morgan 4/4 zurück.
Zwar hatte HFS bereits 1911 ein erstes vierrädriges Vehikel
fast fertig konstruiert, dem er den passenden Namen "Quadricycle" gegeben
hatte - motiviert von dem verdrießlichen Umstand, daß die
Dreiräder von einigen Trial-Wettbewerben ausgeschlossen
waren. Angesichts der guten Nachfrage nach den Dreirädern
wurde das Projekt eines Fahrzeugs mit vier Rädern jedoch
nicht vor 1929 ernsthaft in Angriff genommen.
Wieder setzte HFS auf ein optimales Leistungsgewicht. Den wenig
mehr als 700 Kilogramm wiegenden 4/4 gab es zunächst ausschließlich
als offenen Zweisitzer und in drei Standardfarben: British Racing
Green, Schwarz oder Blau mit schwarzen Kotflügeln. Gegen
Aufpreis konnten die Kunden jede gewünschte Lackierung bestellen.
Bald schon folgte dem Zweisitzer, von dem im Jahr 1939 auch eine
kompressor-geladene Version für Peter Morgan, den Sohn von
HFS, zu Sportzwecken gebaut wurde, ein Viersitzer. Er entstand
auf dem gleichen Fahrgestell; der zusätzliche Platz wurde
durch die Streichung von einem Reserverad gewonnen. In den wenigen
Jahren bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges und der folgenden
Produktionsunterbrechung wurden immerhin 883 Exemplare des 4/4
gebaut, von denen die meisten (667) Zweisitzer waren.
Im März 1946 konnte die Produktion wieder aufgenommen werden.
Ende 1950 folgte die Einführung des Plus 4, einer Variante
mit deutlich stärkerem Motor und einigen Modifi-kationen
an der Karosserie, der ab 1954 die Modelle mit der noch heute üblichen
Frontpartie mit in die Kotflügel integrierten Scheinwerfern
folgten.
Einen Riesenschritt markierte dann die Einführung des Plus
8 im Jahr 1968. Er verdankte seine Entstehung wie so viele Neuerungen
bei Morgan dem Umstand, daß ein Teilelieferant seine Zulieferungen
beendete und nach mindestens gleich-wertigem Ersatz gesucht werden
mußte. Diesmal war es der Vierzylindermotor des Plus 4, der
von Triumph zugekauft wurde und der nicht mehr zur Verfügung
stand. Durch glückliche Umstände ergab es sich, daß
Morgan Zugang zu einem sehr kompakten und leichten V8-Aluminium-Triebwerk
erhielt, das von Buick entwickelt worden war und von Rover gebaut
wurde. Damit begann eine Erfolgsgeschichte, die erst 36 Jahre und
rund 6000 gebaute Exemplare später enden sollte - weil
Rover die Produktion des Motors einstellte und Morgan den Plus
8 durch einen "Roadster" mit einem von Ford zugelieferten V6-Aggregat
ablöste.
In Deutschland gilt der Plus 8 vielen als der Morgan schlechthin.
Kein anderer Morgan wird so durch seinen Motor und sein Leistungsgewicht
definiert wie der Plus 8; er galt sofort nach Erscheinen der
ersten Testberichte in Deutschland aufgrund seiner überragenden
Elastizitätswerte als Porsche-Schreck. Die britische Fachzeitschrift " Autocar " testete
den Plus 8 mit 3,9-Liter-Motor (später folgten 4,0- und
4,6-Liter-Triebwerke) im Mai 1991 und konstatierte: "Porsche
911 Turbo-Fahrer, vergeßt es, denn innerhalb normaler Geschwindigkeiten
(also bis 130 km/h) werdet ihr den Morgan nicht einholen." Zwar
ist allen Plus 8 die glänzende Elastizität und der
charakteristische Auspuffklang5
eigen, und immer steht Leistung im Überfluß bereit.
Doch das alleine macht den Reiz des antik wirkenden Wagens noch
lange nicht aus. Es ist das Fahren eines handgefertigten Einzelstücks,
eines authentischen Automobils, das die Zugeständnisse an
die Moderne auf ein absolut unvermeidbares Minimum reduziert.
Das heißt nun freilich nicht, daß die Morgan Motor
Company dem Plus 8 keine sorgfältige Modellpflege hätte
angedeihen lassen. Im Gegenteil, die Liste der Verbesserungen
ist lang; sie enthält unter anderem so wichtige Änderungen
wie:
- 1970 Ersatz des rostanfälligen Stahlblechbodens durch
einen Holzboden;
- 1971 Aufbau eines Schaumgummiwulst auf die Armazurenbrettoberkante;
- 1973 Ersatz der Umluft- durch eine Frischluftheizung;
- 1973 Spur- und Karosserieverbreiterung (einschließlich
Kotflügel und Trittbretter, eine unter Puristen heftig umstrittene
Maßnahme);
- 1976 Einführung des von Rover stammenden Fünfganggetriebes
und (erneutes) Auseinanderrücken der Getriebe- und Rahmenlängsträger;
- 1977 H4-Scheinwerfer serienmäßig;
- 1981 Einführung neuer Stromberg-Vergaser mit automatischer
Kaltstartvorrichtung; Wegfall des Bremskraftverstärkers;
- 1983 Einführung eines neuen V8-Triebwerks mit Kraftstoffeinspritzung
gegen Aufpreis; Einführung der Zahnstangenlenkung gegen
Aufpreis (Serienausstattung ab 1986; wie so oft, wurde auch
diese Neuentwicklung wurde veranlaßt von der Befürchtung,
daß die
Firma Cam Gears, die Morgan bis dahin mit Lenkgetrieben versorgt
hatte, ihren Betrieb einstellen würde);
- 1986 Einführung der Vollimprägnierung des Eschenholz-Karosserierahmens
im Cuprinolbad; Rahmen pulverbeschichtet; Lackierung der Karosserieteile
vor dem Zusammenbau; Ersatz der Stahlblech-Kraftstofftankhalterungen
durch ein massives Holzbrett;
- 1989 Batterie-Schnelltrennschalter zwischen den Sitzen angebracht;
- 1991 Hinterachse erstmals serienmäßig mit Teleskopstoßdämpfern
bestückt;
- 1993 Speichenräder auch für den Plus 8 als Ausstattungsoption
(1968 bis 1993 waren Aluminiumräder Standard);
- 1994 Einführung von Lockheed-Scheibenbremsen
mit Vier-Kolben-Sätteln;
- 1997 Vollaluminiumkarosserie
(auf Eschenholzrahmen)
serienmäßig; Cockpitvergrößerung
und verlängerte Sitzschienen ermöglichen erstmals
den (optionalen) Einbau von
zwei Airbags.
Zeitweise betrug die Lieferzeit für ein Neufahrzeug mehr
als sieben Jahre. Doch die Zeit des robusten, aber in die Jahre
gekommenen Stoßstangen-V8 von Rover ging 2003/2004 zu Ende,
weil er die immer strenger werdenden Abgasvorschriften nicht
mehr erfüllen konnte. Der Plus 8 aber bleibt ein hervorragendes
Beispiel dafür, wie sich eine Konzeption in jahrelanger
Modellpflege verfeinern läßt, ohne daß sie darüber
ihren Charakter verliert.
4Quelle: J. Wood
(2005): Morgan - Leistung
und Tradition.
Königswinter: Heel-Verlag. Vgl. auch: J. Worall, L. Turner
(1992; 2003): Das Original:
Morgan. Königswinter: Heel-Verlag; und P. Miller
(2004): Morgan Three-Wheeler: The Complete Story.
Ramsbury, Marlborough: The Crowood Press.
5Quelle: J. Meyer-Brenkhof: My life
with Morgan cars 1972-2002.
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